Schilddrüsenüberfunktion, ein häufiges Problem älterer Katzen
Das praktische Beispiel
Der 16 Jahre alte, kastrierte Siamkater Codo lebt seit seiner zehnten Lebenswoche im Haushalt von Frau Sch. in Berlin. Einmal im Jahr wurde er von seinem Tierarzt untersucht und gegen die wichtigsten Katzenkrankheiten geimpft. Abgesehen von drei Gebißreinigungen in den letzten Jahren lebt er mit seiner Katzenfreundin Minouche ein sorgenfreies und gesundes Katerleben. Die Fütterung ist abwechslungsreich, Parasiten kennt er nicht und seit Jahren hält er sein Körpergewicht mit 4,6 kg.
Das ungetrübte Leben von Codo begann sich vor einem halben Jahr zu ändern. Immer häufiger erbrach er sein Futter und heftiges Sodbrennen vergellte ihm seinen Appetit. Nachdem er Magentabletten einnahm entwickelte er einen ungewöhnlich starken Appetit und stahl, was noch nie vorkam, Essen vom Tisch. Häufig trollte er rastlos durch die Wohnung. Nach einiger Zeit fällt Frau Sch. auf, daß er trotz inzwischen unstillbaren Appetites abnimmt. In den folgenden acht Wochen verliert er 1300 g Körpergewicht und wirkt ausgezehrt. Schon nach kurzem Spiel mit seiner Partnerin Minouche beginnt er zu hecheln und hat Schwierigkeiten auf seinen Lieblingsplatz, das Hochbett, zu springen.
Vorbemerkung
Mensch und Tier besitzen eine Reihe von Drüsen, wie die Bauchspeicheldrüse, Nebennieren und Schilddrüse, die Wirkstoffe, produzieren und in die Blutbahn ausschütten. Diese Wirkstoffe sind Hormone[1]. Bei den verschiedenen Hormonen, die für die betreffenden Drüsen kennzeichnend sind, handelt es sich um chemische Botenstoffe, welche die Funktion und Leistung anderer Organe steuernd und regulierend beeinflussen. Damit wird der Körper an die sich ständig wandelnden Umweltbedingungen und körperliche Leistungsanforderungen sowie psychischen Empfindungen wie Angst und Schmerz anpasst. Wechselnde Umweltbedingungen werden von den Antennen, den sieben Sinnen des Körpers empfangen, vom Gehirn registriert, dann mit den körperinneren Bedingungen verglichen und verarbeitet. Ist zur Optimierung der Anpassung an aktuelle Umweltbedingungen eine Änderung von Körperfunktionen sinnvoll, werden die zuständigen hormonproduzierenden Drüsen in einem komplizierten Verfahren veranlasst, mehr oder weniger Hormone auszuschütten.
Die Schilddrüse beeinflusst mit ihrem jodhaltigen Hormon, dem Thyroxin, nahezu alle Organe und hat einen entscheidenden Einfluss auf die Stoffwechselfunktionen des Körpers von Mensch und Tier. So unterliegt die individuelle Einstellung des „Grundumsatzes“, daß ist der Energiebedarf eines Körpers im Ruhezustand, unmittelbar der Menge an ausgeschüttetem Schilddrüsenhormon. Ist die Menge an Schilddrüsenhormon vergleichsweise gering, so werden Nährstoffe mit wenig Sauerstoff nur langsam verbrannt - das Feuer brennt nicht richtig (vergleichbar mit einem qualmenden Schwelbrand) und infolge der nur geringen Wärmebildung wird der Betroffene kälteempfindlich. Eine zu große Menge an Schilddrüsenhormon führt zu einem hohen Sauerstoffverbrauch - das Feuer brennt lichterloh (aber auch uneffektiv). Die Wärmebildung ist jetzt mehr als genug und der Betroffene sucht die Möglichkeit zur Abkühlung. Die optimale Menge an Schilddrüsenhormon stellt den Stoffwechsel genau so ein, das er den Umweltbedingungen und Leistungsanforderungen gerecht wird. In den Bereich der Technik übertragen, kann man sich die Schilddrüse vorstellen wie die Einstellung eines Vergasers im Verbrennungsmotor: Der Vergaser selber und das Benzin/Luft-Gemisch, das im Kolben zur Explosion kommt, stellen jetzt die Kraftwerke der Organe des Körpers dar. Das Gemisch kann zu fett, optimal oder zu mager sein was eine unterschiedliche Motorleistung und Lebenserwartung zur Folge haben wird.
Eine weitere wichtige Wirkung des Schilddrüsenhormons betrifft den Herzmuskel. Auch hier hat eine vergleichsweise geringe Hormonkonzentration eine bremsende Wirkung, was zu einer langsamen Herzfrequenz führt, während hohe Hormonkonzentrationen das Herz sehr schnell schlagen lassen.
So gesehen gleicht die Schilddrüse der Einstellung eines Metronoms. Das Fortissimo erschöpft den Pianisten schnell, während Piano forte müde machen kann.
Der Bau der Schilddrüse weist deutliche Unterschiede zwische dem Menschen und den verschiedenen Tierarten auf. Die beim Menschen unterhalb des Kehlkopfes gelegene Schilddrüse umschließt die Luftröhre schmetterlingsförmig seitlich und auf der Unterseite. Bei der Katze besteht die Schilddrüse aus zwei voneinander getrennten spindelförmigen Drüsenlappen, die seitlich oben an der Luftröhre unterhalb des Kehlkopfes liegen. Teilweise innerhalb des Schilddrüsengewebes befinden sich die den Calzium-Stoffwechsel steuernden Nebenschilddrüsen. Die Schilddrüse ist von zahlreichen lebenswichtigen Leitungsstrukturen umgeben, darunter die Halsschlagader und wichtigen Eingeweidenerven.
Die Überfunktion der Schilddrüse bei Katzen
Eine Schilddrüsenüberfunktion liegt vor, wenn die Anpassung der Schilddrüse an unterschiedliche Anforderungen des Körpers durch erhöhte Hormonausschüttung nicht mehr gewährleistet ist. Die Menge des abgegebenen Hormons überschreitet jetzt dauerhaft den im Bedarfsfall als Maximum sinnvollen Grenzwert. Durch die Entkoppelung der Schilddrüse von den körpereigenen Steuerungsmechanismen wird sie jetzt selbständig und unabhängig[2]. Sichtbare Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion sind sehr häufig gesteigerter Appetit bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme und vermehrter Wasseraufnahme. Gelegentlich kann es zu anhaltenden Verdauungsstörungen kommen. Teilweise werden die Katzen unruhiger oder leicht erregbar, doch gibt es auch Situationen bei denen die Katzen niedergeschlagen wirken.
Die Herzschlagfrequenz ist bei einer Schilddrüsenüberfunktion in der Regel erhöht und teilweise läßt sich an der seitlichen Brustwand ein deutlicher Herzspitzenschlag ertasten. Die Veränderungen der „Einstellung“ des Körpers sind unökonomisch und belastend. Bestehen sie über längere Zeiträume kommt es zu Organschäden, wie Leberbelastungen und Herzveränderungen.
Schilddrüsenüberfunktionen bei Katzen kommen selten bei jungen Tieren vor. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko daran zu erkranken. Eine Untersuchung des Autors zeigt, dass Katzen, die das fünfzehnte Lebensjahr überschritten haben, häufig Schilddrüsenveränderungen aufweisen. Hier handelt es sich um einseitig oder beidseitig auftretende tumoröse Knotenbildungen, Kropfbildungen und, in seltenen Fällen, um Schilddrüsenkrebserkrankungen[3]. Wenn diese Veränderungen beginnen unabhängig von der Steuerung größere Mengen Schilddrüsenhormon zu produzieren und freizusetzen, was nicht immer der Fall ist, liegt eine Überfunktion vor. Unbekannt ist, welche Ursachen für die Schilddrüsenveränderungen bei Katzen verantwortlich zu machen sind.
Die Diagnose einer Schilddrüsenüberfunktion wird vom Tierarzt anhand des Erscheinungsbildes und der Laboruntersuchungen gestellt. Beweisend sind erhöhte Thyroxinkonzentrationen im Blut. In Zweifelsfällen werden Schilddrüsenfunktionstests durchgeführt. Auch bei Katzen können Ultraschalluntersuchungen und in besonderen Fällen Scintigraphische Untersuchungen[4] der näheren Klärung der Krankheitsursache dienlich sein.
Da eine Überfunktion der Schilddrüse den Körper schädigt, sollte in jedem Fall versucht werden durch eine wirkungsvolle Behandlung normale Hormonkonzentrationen wiederherzustellen. In vielen Fällen ist darüber hinaus eine begleitende Behandlung, zum Beispiel zur Unterstützung des angegriffenen Herzens notwendig. Die Behandlung der Schilddrüse wird mit einem Schilddrüsenblocker begonnen. Durch einen Eingriff des Mittels in den Herstellungsprozess des Schilddrüsenhormons sinkt die ausgeschüttete Hormonmenge. Wiederholt durchgeführte Hormonmessungen zeigen den hoffentlich eintretenden Erfolg. Nicht in allen Fällen gelingt diese Behandlung. Einige Katzen vertragen die eingesetzten Mittel nicht, andere nehmen sie nicht und gelegentlich haben die Tierhalter kein Interesse an dieser dauerhaft durchzuführenden Tabletteneingabe. Auch die Entfernung der Schilddrüse kann in einigen Fällen in Erwägung gezogen werden. Dieser, bei alten Katzen relativ schwerwiegende Eingriff, birgt einige Risiken in sich und kann nicht zuletzt eine dauerhafte Unterfunktion erzeugen. In diesem Fall muss die Katze hinterher Schilddrüsenhormon zu sich nehmen um nicht an den Folgen einer Unterfunktion der Schilddrüse zu erkranken.
Was geschah mit Codo?
Nachdem Codo zunehmend abmagerte und immer mehr Wasser zu sich nahm beschloß Frau Sch. zu ihrem Tierarzt zu gehen. Bei der Untersuchung erschien er unruhig und belastet. Herzrasen, fehlende Fettabdeckung über den Rippen und Anzeichen von beginnendem Muskelschwund erlaubten dem Tierarzt keine Diagnose. Die Veränderungen im EKG zeigten Herzrhythmusstörungen, im Röntgenbild erschien Codo unverändert. Die sofort durchgeführte Untersuchung des Blutes zeigte keine Hinweise auf eine Zucker- oder Nierenkrankheit. Auch die Leberwerte wurden sofort untersucht, wobei sich hier Abweichungen vom Gesunden zeigten. Die verbleibenden Blutproben wurden in ein Labor zur weiterführenden Untersuchung versandt. Bis zum Eintreffen der Ergebnisse in 24 Stunden wird zunächst ein b-Blocker[5] verordnet.
Das Laborergebnis überzeugte: Codo hatte mehr als vier mal soviel Schilddrüsenhormon als maximal zulässig bei Katzen. Diagnose: Schilddrüsenüberfunktion mit Überlastung des Herzens.
Da Codo weiterhin häufig hechelte und das Herzrasen anhielt, wird der b-Blocker weiterhin verordnet. Zusätzlich erhält er jetzt verpackt in einer Vitaminpaste ein Schilddrüsenmittel, das die Schilddrüsenhormonmenge in den normalen Bereich bringen soll.
Was ist wichtig für meine Katze?
Da man bis heute nicht weiß welche Ursachen für die Schilddrüsenveränderungen bei Katzen verantwortlich zu machen sind, kann an dieser Stelle kein vorbeugender Rat hinsichtlich der Fütterung und Haltung gegeben werden.
Wichtig ist es für Sie als Katzenhalter die Symptome[6] der Überfunktion zu kennen. Nicht in allen Fällen ist eine Vergrößerung, der bei der Katze versteckt liegenden Schilddrüse, beim Streicheln tastbar. Unübersehbar jedoch die bereits erwähnten sehr häufig auftretenden Anzeichen wie die zunehmende Gewichtsabnahme, in der Regel trotz guten Appetites. Einige Katzen werden nie mehr satt und entwickeln sich zu regelrechten Vielfraßen. Dabei können sie in kurzer Zeit abmagern, wobei sie 30-50 % der Körpermasse verlieren können. Teilweise kommt es zu Verdauungsstörungen mit übel riechenden Durchfällen. Bei einer Reihe von Katzen fällt eine zunehmende Wasseraufnahme beziehungsweise reichlicher Harnabsatz auf. Häufig erscheint das Haarkleid stumpf und struppig.
Die bei fast allen Katzen mit einer Überfunktion der Schilddrüse auftretende Zunahme der Herzschlagfrequenz mit pochendem „Herzspitzenstoß“ kann von Ihnen leicht festgestellt werden: führen Sie Ihre von hinten kommenden Hände so um den Brustkorb herum, daß sich die Fingerspitzen von Mittel- und Ringfinger unter dem Brustbein der Katze zusammenfinden. Ein gesundes Katzenherz ist so kaum zu fühlen, bei einer Überfunktion der Schilddrüse ist jedoch jetzt besonders unter der linken Hand häufig ein kräftiges Schlagen zu bemerken.
Eine Reihe von Katzen entwickelt eine zunehmende Rastlosigkeit und innere Unruhe, die sich bis zur Aggressivität steigern kann. Auch in diesem Fall sollten Sie an eine Überfunktion der Schilddrüse denken.
Beobachten Sie bei Ihrer Katze mögliche Anzeichen einer Schilddrüsenveränderung oder Schilddrüsenüberfunktion, sollten Sie Ihre Katze möglichst nüchtern bei Ihrem Tierarzt/Tierärztin vorstellen. Er wird Ihre Katze untersuchen und bei dem Vorliegen einer Schilddrüsenkrankheit das weitere Vorgehen mit Ihnen besprechen.
Was geschieht mit Codo?
Die Gabe der Medikamente bereitet keine große Mühe und zeigt schnell eine verblüffende Wirkung: Der vorher rastlos erscheinende Kater wird ruhiger und schmusiger. Frau Sch. fällt auf, daß er wie in alten Zeiten ein Mittagsstündchen hält. Das Hecheln im Spiel mit Minouche verschwindet. Bei einer Kontrolluntersuchung wird festgestellt, das die Herzaktionen sich normalisiert haben, auch die Leberwerte fallen in den Normalbereich zurück. Glück mit den Schilddrüsenwerten: die Hormonkonzentration ist jetzt im Normalbereich. Der b-Blocker wird versuchsweise abgesetzt.
Auch in den folgenden Monaten wird auf den b-Blocker verzichtet. Das Körpergewicht hat deutlich zugenommen und Codo ist wieder ganz der Alte.
Anschrift des Verfassers:
Dr. Reinhold Sassnau
Südstern 2
D-10961 Berlin
Tel.: 030 692 16 62
[1] Diese „endokrinen Drüsen“, die ihre Wirkstoffe in die Blutbahn abgeben, sind zu unterscheiden von Drüsen, die ihre Wirkstoffe (Sekrete) in Hohlräume, wie die Magenschleimhautdrüsen in den Magen, oder auf die Oberfläche des Körpers, wie die Schweißdrüsen, abgeben.
[2] Ein Sonderfall stellt die Überfunktion der Schilddrüse infolge einer Störung der Steuerung dar, auf die hier nicht näher eingegangen wird.
[3] Die Unterscheidung zwischen tumorösen Knotenbildungen, Kropfbildungen und Schilddrüsenkrebs beschreibt hier den biologischen Charakter der Veränderungen. Knotenbildungen und Kröpfe weisen sich zum Beispiel durch eine Ortsständigkeit mit abgekapselter Größenzunahme aus. Das biologische Verhalten ist gutartig. Die Größenzunahme selbst kann jedoch umliegende Strukturen beeinträchtigen. Folgen können zum Beispiel Schluck- oder Lautäußerungsstörungen sein. Schilddrüsenkrebs (Schilddrüsenkarzinome) hingegen können ein in die Umgebung ausstrahlendes Wachstum zeigen und besitzen die Fähigkeit zur Aussaat in andere Körperregionen (Metastasierung), was die Bösartigkeit ausmacht.
[4] Bildgebendes Verfahren mit Hilfe nuklearmedizinischer Methoden.
[5] b-Blocker sind herzwirksame Medikamente, die bei Herzrasen und Herzrhythmusstörungen zur Normalisierung der Herzarbeit eingesetzt werden.
[6] Im Zusammenhang mit einer Krankheit auftretende Veränderung. Krankheitszeichen.
Das praktische Beispiel[1] Diese „endokrinen Drüsen“, die ihre Wirkstoffe in die Blutbahn abgeben, sind zu unterscheiden von Drüsen, die ihre Wirkstoffe (Sekrete) in Hohlräume, wie die Magenschleimhautdrüsen in den Magen, oder auf die Oberfläche des Körpers, wie die Schweißdrüsen, abgeben.
[2] Ein Sonderfall stellt die Überfunktion der Schilddrüse infolge einer Störung der Steuerung dar, auf die hier nicht näher eingegangen wird.
[3] Die Unterscheidung zwischen tumorösen Knotenbildungen, Kropfbildungen und Schilddrüsenkrebs beschreibt hier den biologischen Charakter der Veränderungen. Knotenbildungen und Kröpfe weisen sich zum Beispiel durch eine Ortsständigkeit mit abgekapselter Größenzunahme aus. Das biologische Verhalten ist gutartig. Die Größenzunahme selbst kann jedoch umliegende Strukturen beeinträchtigen. Folgen können zum Beispiel Schluck- oder Lautäußerungsstörungen sein. Schilddrüsenkrebs (Schilddrüsenkarzinome) hingegen können ein in die Umgebung ausstrahlendes Wachstum zeigen und besitzen die Fähigkeit zur Aussaat in andere Körperregionen (Metastasierung), was die Bösartigkeit ausmacht.
[4] Bildgebendes Verfahren mit Hilfe nuklearmedizinischer Methoden.
[5] b-Blocker sind herzwirksame Medikamente, die bei Herzrasen und Herzrhythmusstörungen zur Normalisierung der Herzarbeit eingesetzt werden.
[6] Im Zusammenhang mit einer Krankheit auftretende Veränderung. Krankheitszeichen.











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