Perforation einer Wange beim Meerschweinchen
Der praktische Tierarzt 1994; 75: 618-9.
Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH&CoKG, Hannover
Perforation einer Wange infolge exzessiven Zahnwachstums eines Prämolaren beim
Meerschweinchen, Cavia aperea f. porcellus
R. Sassnau
Zusammenfassung
Zahnerkrankungen, insbesondere durch Zahnfehlstellung oder übermäßiges Wachstum bedingte
Folgeerkrankungen werden beim Meerschweinchen nicht selten gesehen. Neben Brückenbildungen von
mehreren Backenzähnen können auch einzelne Zähne von diesem Problem betroffen sein. In diesem
Fallbericht wird eine Perforation der Wange durch das übermäßige Wachstum eines unteren Prämolaren
beschrieben und diskutiert.
Summary
Dental disorders, especially due to mal-position or excessive growth and subsequent disease are frequently
seen in guinea pigs. Besides formation of dental bridges of several molars, single teeth may be affected
by this problem. In this case report a Perforation of the check because of excessive growth of a lower
praemolar is described and discussed.
Einleitung
Neben Erkrankungen der äußeren Haut des Meerschweinchens sind es Zahnerkrankungen, die einen
häufigen Anlaß für die Konsultation in der tierärztlichen Sprechstunde geben.
Dieser Fallbericht beschreibt die Folgen einer extremen Verlängerung eines Prämolaren.
Der klinische Fall Ein einjähriges weibliches Meerschweinchen wird aufgrund von Inappetenz und zunehmender
Abmagerung in der Sprechstunde vorgestellt. Der Patient zeigt bei der klinischen Untersuchung mit
einer Rektaltemperatur von 38,2° C ein ungestörtes Allgemeinbefinden. Daneben finden sich auf der
rechten Wange borkig krustöse Auflagerungen (Abb. 1). Bei der Inspektion der Maulhöhle läßt sich
ein im weitem Bogen gewachsener linker Prämolar erkennen (Abb. 2). An den anderen Zähnen des
Patienten sind keine pathologischen Befunde zu erheben.
Das Tier wurde in Ketamin/Xylazin - Allgemeinanästhesie gelegt und die Maulhöhle mit einem Maulund
Wangenspreizer geöffnet. Jetzt wurde deutlich, daß der verlängerte Prämolar Anlaß zur Perforation
der gegenüberliegenden Wange gab. Nach Drucknekrose an der bukkalen Kontaktstelle entstand eine
Perforation der Maulschleimhaut, der Muskulatur und der äußeren Haut (Abb. 3).
Der überlange Zahn wurde mit einem kegelförmigen Diamantschleifer auf die normale Länge
gebracht. Die Wundränder der perforierten Wange wurden gründlich aufgefrischt.
Eine antibiotische Nachbehandlung wurde mit Chloramphenicol, 3mal 20 mg/kg per os für 10 Tage
durchgeführt. Die Wundheilung verlief per sekundam intentionem. Auch drei Monate nach der
Zahnkorrektur zeigte das Gebiß keine Anzeichen für eine Malokklusion.
Diskussion
Milchprämolaren werden beim Meerschweinchen fetal angelegt. Der Durchbruch erfolgt nach
Berkowitz (1972) zwischen dem 43. und 48. Tag in uteri. Schon am 55. Tag, eine Woche vor der Geburt,
sind sie wieder vollständig resorbiert. Die Dauerzähne sind zu diesem Zeitpunkt durchgebrochen. Dem
Neugeborenen ist es deshalb möglich, schon eine Stunde nach der Geburt dieselbe Nahrung wie die
Elterntiere aufzunehmen.
Das vollständige Dauergebiß des Meerschweinchens besitzt 20 Zähne.
Zahnformel:
1I 1P 3M
1I 1P 3M =20
Die großen Nagezähne mit zum Kiefer weit offener Pulpahöhle haben nach Rogers et al. (1964) im
Oberkiefer eine durchschnittliche Wachstumsrate von 1,52 mm, im Unterkiefer von 1,98 mm pro
Woche.
Wie die Nagezähne (Inzisiven), haben auch die schmelzfaltigen Backenzähne (Prämolaren und
Molaren) lebenslang eine offene Pulpahöhle mit fehlendem Foramen apicale, und somit
ununterbrochenes Längenwachstum. Die durchschnittliche wöchentliche Wachstumsrate beträgt nach
Rogers et al. (1964) 1,52 mm an den Oberkiefermolaren und 1,22 mm an den Unterkiefermolaren.
Der Zahnhalteapparat erlaubt aufgrund seines speziellen Aufbaus das ununterbrochene
Längenwachstum der Zähne. Durch den, im Vergleich zum Periodont von Zähnen mit geschlossenem
Foramen apicale, lockeren Aufbau kann es leicht zum Hineindrücken von faserigen Futterbestandteilen
in das Periodont mit anschließenden Komplikationen kommen.
Das Kiefergelenk des Meerschweinchens ist seiner Funktion nach ein Schlittengelenk und erlaubt
dreidimensionale, mahlende Kieferbewegungen. Alle Zähne werden durch den Gebrauch
kontinuierlich abgerieben, wobei sich Zuwachs und Abrasion im Gleichgewicht befinden. Überlängen,
insbesondere von den unteren Inzisiven, führen durch mangelhaften Kieferschluß und durch
unzureichenden Abrieb zur Brückenbildung der Prämolaren und Molaren (Isenbügel und Frank 1985).
Hierbei wachsen im Unterkiefer die Prämolaren und Molaren dachförmig aufeinander zu.
Folgeerkrankungen sind Einschränkung der Beweglichkeit der Zunge sowie Verletzungen von
Maulhöhlenschleimhaut und Zunge. Es besteht die Gefahr der Abszedierung im Kieferbereich,
verbunden mit Schmerzen, Innappetenz und Kachexie.
Studer (1975) berichtet von 982 untersuchten Hausmeerschweinchen, von denen 150 (15 Prozent)
Zahnüberwachstum vorwiesen.
Wasel (1987) nennt folgende pathogenetische Faktoren zur Entstehung von Malokklusionen beim
Meerschweinchen: Fehlstellungen von Zähnen, erbliche Prognathie mit Veränderungen des Diastemas,
Frakturen der Inzisiven und die physiologischen Kaubewegungen störenden Engstellungen der
Kiefergelenke. Das vereinzelte Auftreten von überlangen Backenzähnen, wie im beschriebenen Fall, ist
selten. Fahrenkrug (1982) führt dieses auf einen pathologisch weichen Antagonisten zurück, der zur
mangelhaften Abrasion, und somit zur Überlänge Anlaß gibt.
Literatur
1. BERKOWITZ, B.K.B.: Ontogeny of tooth replacement in the guinea pig, Arch. oral. Biol., 17, 711-
718, (1972).
2. FAHRENKRUG, P.: Stand und Möglichkeiten der Zahnheilkunde bei Haustieren, Diss. med. dent.,
Hamburg (l 982).
3. ISENBÜGEL, E., FRANK, W.: Heimtierkrankheiten, Ulmer (1985).
4. ROGERS, J. B., et al.: Growth patterns and age changes in the dentition, maxilla and mandible of
the guinea-pig, J. Geront. USA, 19, 517-519, (1964).
5. STUDER, S.: Malokklusion und Zahnüberwachstum, Diss., Zürich (1975).
6. WASEL, E.: in: Gabrisch K, Zwart, P., Krankheiten der Heimtiere, Schlütersche (1987).
Anschrift des Verfassers:
Dr. med. vet. Reinhold Sassnau
Südstern 2
10961 Berlin












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